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Zelte und Zeltkonstruktionen

Jurtengrosskonstruktion
Hängende Jurtengroßkonstruktion mit 6 Ausliegern und angehängter Fenster-Theaterjurte.

Aufgrund besonderer historischer Konstellationen, vor allem aber durch den Einfluss der Jugendbewegung, unterscheidet sich die deutsche Pfadfinderei in ein paar Punkten von der anderer Länder. Einer der auffälligsten Punkte hier sind die auf den ersten Blick mittelalterlich anmutenden Schwarzzelte (in der Tat sollen ein paar Kohten und Jurten schon auf Mittelaltermärkten aufgetaucht sein). Diese auf mongolische und lappländische Vorbilder zurückgehenden Konstruktionen sind variabel und bieten eine Vielzahl von Kombinationsmöglichkeiten, vom einfachen Unterstand für unterwegs bis hin zur Veranstaltungshalle. Die schwarze Farbe hat, zusammen mit der robusten Machart, zudem den Vorteil, dass man in den größeren Vertretern dieser Gattung Feuer machen kann, ohne sich um Rauchverfärbungen Gedanken machen zu müssen.

Kohtenblatt

Die große Stärke dieser Bauten besteht darin, dass eine kleine Zahl von Grundelementen zu immer komplexeren Gebilden kombiniert werden kann. Die Grundelemente sind immer die gleichen:

Viereckszeltbahn
1. Kohtenblatt

Das Kohtenblatt ist eine trapezförmige Zeltbahn. An der Unterseite hat sie eine Knopfleiste, an den Seiten Schlaufen bzw. Ösen.

Doppelviereckszeltbahn
2. Vierecksbahn

Die Vierecksbahn (auch doppelt als Doppelvierecksbahn) ist eine viereckige Zeltplane, die rundum über eine Knopfleiste verfügt.

Doppelviereckszeltbahn
3. Theaterbahn

Eigentlich handelt es sich bei der Theaterbahn um eine Sonderform der Vierecksbahn, mit der sie auch die Abmessungen gemein hat. Der Unterschied: statt einer umlaufenden Knopfleiste hat sie an zwei Seiten Ösen bzw. Schlaufen, um in Dachkonstruktionen aus Kohtenblättern eingeknüpft zu werden.

Inzwischen gibt es auch -zugegeben, nicht mehr ganz traditionell, aber praktisch -

4. Erdstreifen und Fensterbahnen.

Auch hier ist die Knopfleiste umlaufend.

Mit letzteren kann man zum Beispiel ein Zelt etwas erhöhen, um mehr Platz im Innenraum zu haben, oder für Tageslicht sorgen. Und wie könnte es anders sein, natürlich lassen sich Erdstreifen und Fensterbahn auch auf Vierecksbahnformat kombinieren.

5. Drachen und Jurtenhüte

Da die größeren Schwarzzelte oben eine Feueröffnung haben, würde es dort hineinregnen. Daher wird sie mit einer speziellen Stoffbahn abgedeckt.

Kroete
Eine Kröte

Das einfachste Schwarzzelt ist die Kröte. Dazu wird einfach ein Kohtenblatt an der Schmalseite und den beiden äußeren Enden am Boden befestigt und in der Mitte eine Stange (kann auch mal ein Wanderstab oder Kanupaddel sein) nach außen abgespannt. Es ist nicht sehr komfortable, aber für eine Nacht oder als Gepäckunterstand ist diese Konstruktion voll ausreichend für bis zu 2 Personen.

Lok
Doppelkröte oder Lok
Kroete
Aufgebaute Kröte

Braucht man etwas mehr Platz, so baut man einfach zwei Kröten gegenüber. So entsteht dann eine Lok bzw. Doppelkröte. Die Abspannung spart man sich, da sich die beiden Bahnen gegenseitig halten. Dieses Zelt reicht notfalls für 4 Personen, oder recht bequem für 2 mit Gepäck.
Man kann auch zwischen die beiden Kröten auf jeder Seite je eine Vierecksbahn einknüpfen, um noch mehr Platz zu haben. In diesem Fall braucht man natürlich zwei Stangen.

Kohte
Eine Kohte

Mit der Kohte beginnen dann die komfortableren, aber auch komplizierteren Zelttypen. Vier Kohtenblätter werden an den Seiten aneinandergeknüpft, das entstandene Achteck wird an den Ecken am Boden befestigt. An einem langen Zweibaum (siehe auch Knoten und Bünde) wird ein Holzkreuz hochgezogen, an dem die Innenseiten der Bahnen aufgehäng sind. In diesem Zelt hat man eine Menge Platz und kann auch unproblematisch ein Feuer machen.

Kohte
Kohte mit einer Mittelstange

Hat man keine zwei Stangen zur Verfügung (oder ist zu faul, eine zweite zu suchen), kann man das Zelt auch mit einer Mittelstange aufbauen (dann mit Einbaum). Natürlich hat man dann eine Stange mitten im Zelt.

Hier ist nun der Imrovisation Tor und Tür geöffnet: Man kann nun zum Beispiel, ähnlich wie bei der Kröte, Bahnen (in diesem Fall Theaterbahnen) zwischen den Kohtenblättern einziehen und die Kohte so verlängern (Langkohte). Dann braucht man eher zwei Mittelstangen und ein entsprechendes Doppelkreuz. Oder man nimmt einen Erdstreifen ans untere Ende und setzt die Kohte hoch. In diesem Fall braucht man acht kurze Seitenstangen in Höhe des Erdstreifens (Hochkohte). Oder man nimmt gar Vierecksbahnen anstelle des Erdstreifens und stellt das Ganze auf Jurtenseitenstangen (Druidenkohte). Auch hier bietet sich die Bauart mit einer Mittelstange an, da man aufgrund der größeren Höhe sonst immens lange Stangen benötigen würde.

Jurte
Eine Jurte

Mit dem nächsten Zelt kommen wir entgültig in den Bereich der Zeltkonstruktionen: die Jurte geht auf mongolische Vorbilder zurück und bietet als Schlafzelt locker genung Platz für bis zu 12 Personen.

6 Kohtenblätter werden zu einem Zwölfeck zusammengesetzt. An jede der zwölf Ecken kommt eine nach außen abgespannte Jurtenseitenstange. Dann wird das hängende Dach im Mittelloch mit einem Kreuz versehen (klassisch entweder ein Doppelkreuz oder ein Stern, aber in letzter Zeit immer öfter auch Kettenkreuze, Sterne mit sechs Metallketten) und entweder mit einem Dreibaum (siehe Knoten und Bünde) hochgedrückt oder an einem solchen hochgezogen. An die Seiten werden nun 12 Vierecksbahnen (oder 6 Doppelvierecksbahnen) geknüpft.

Jurte
Jurte mit einer Mittelstange - Feuer im Zelt wird etwas erschwert und bei schlechtem Wetter ist diese Bauart nur begrenzt zu empfehlen, macht aber weniger Arbeit.

Die Variationsmöglichkeiten sind hier nahezu unerschöpflich. Man kann zum Beispiel beliebig viele Theaterbahnen zwischen den Dachbahnen einziehen und die Jurte damit fast unbegrenzt vergrößern (in der Praxis ist dies erschwert dadurch, dass man mit entsprechender Größe mehr Mittelstangen und entsprechend große Dachkreuze braucht). Allerdings wird dann auch das Feuerloch in der Mitte immer größer. Mit Erdstreifen und / oder Fensterplanen lässt sich die Jurte erhöhen. Beliebt ist auch, mit entsprechend hohen Seitenstangen nicht eine, sondern zwei Seitenbahnen übereinander anzuknüpfen. Die Jurte ist die Grundlage für die meisten Großkonstruktionen.

Kleeblatt
Kleeblatt aus drei Jurten

Nach den Grundlagen hier nun ein paar Beispiele für Schwarzzeltbauten.

Eine eher simple Konstruktion mit relativ großer Grundfläche ist z.B. das Kleeblatt (auch Dreierjurte). Prinzipiell besteht es aus drei an- und ineinandergebauten Jurten, die an einem oder drei Segmenten miteinander verbunden werden (bei ersterer Variante gibt es eine unbedeckte Öffnung, bei letzterer staut sich der Stoff - was bereits zeigt, dass spektakulärere Jurtenbauten nicht unbedingt zum Übernachten bei schwerem Wetter geeignet sind).

Fensterjurtenturm
Kaaba mit Fensterplanenturm

Die Kaaba, die nur von der Benennung her an ein islamisches Heiligtum erinnert, hat als Grundelement eine Jurte mit doppelter Seitenhöhe. Man kann nun z.B. bis zu vier (unvollständige) Jurten anhängen und erhält so eine Art von vierblättrigem Kleeblatt mit Mittelturm. Das Platzangebot ist enorm. Nimmt man, wie in nebenstehendem Beispiel, statt der zweiten Jurtenhöhe Fensterplanen und Erdstreifen für den Mittelturm, kann man die Höhe etwas reduzieren und hat zudem noch Tageslicht.

Alle Zeltfotos wurden auf unserem Jubiläumslager 2007 aufgenommen.